Paris Fashion Week

Die Mode enthüllt die Stadt

Es ist wieder soweit: Ende Februar dreht sich in Paris wieder alles um die Mode. Mademoiselle Lili freut sich darauf, Orte zu entdecken, die sonst vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen sind.

Nicht, dass ich kein Faible hätte für Modenschauen, teure Kleider, schöne Menschen und extravagante Selbstdarsteller. All das gibt es zur Fashion Week im Überfluss zu besichtigen. Was mich mittlerweile jedoch fast noch mehr begeistert, sind die Locations, die manche Modemarken für ihre Shows, Partys oder Präsentationen auswählen. Oft prachtvolle Privathäuser oder Bauten, die selten in Reiseführern genannt werden. Designerin Miuccia Prada hat stets ein Händchen für spektakuläre Architektur, die ihrer Mode eine besondere Bühne bietet – und umgekehrt. Den Palais d’Iéna zum Beispiel, ein Baudenkmal von Auguste Perret aus den späten 30er Jahren, den ich auf einer ihrer Schauen zum ersten Mal besichtigte. Ein Ort, an dem temporär stets interessante Ausstellungen oder Installationen zu sehen sind und der auch sonst öffentlich zugänglich ist (Infos unter www.lecese.fr).

Letzten Sommer überraschte mich die Einladung für die Miu Miu Croisière Show mit einer Adresse, die ich noch nicht kannte: 25, Avenue des Champs-Elysées. Die berühmteste Straße von Paris, schon klar. Aber ehrlich gesagt, für mich auch die langweiligste: Zwischen all dem Schaufenster-Blingbling und Touristengewusel war mir das prachtvolle Haus, versteckt hinter einem hohen Zaun in zweiter Reihe, noch nie aufgefallen. Das „Hôtel de la Païva“, das letzte verbliebene Privatpalais auf den Champs Elysées und heute Sitz des exklusiven englischen „Travellers Club“. Was für eine Location und was für eine Geschichte!

„La Païva“ war eine der flamboyantesten Gastgeberinnen des 19. Jahrhunderts in Paris, auf ihren opulenten Soirées gingen die VIPs der Epoche ein und aus: Komponist Richard Wagner, Maler Paul Baudry, Schriftsteller Théophile Gaultier, Emile Zola oder Gustave Flaubert. Die Brüder Goncourt nannten das Haus flapsig den „Louvre des Sex“. Als Esther Lachmann in bescheidenen Verhältnissen in Moskau geboren, wurde die rothaarige Schönheit zu einer der berühmtesten Kurtisanen der Stadt. Der Legende nach soll sie ein ehemaliger Freier auf den Champs-Elysées einst aus seiner Kutsche gestoßen haben – eine Schmach, die sie nie vergaß. Als die mehrmals Geschiedene den 11 Jahre jüngeren Guido Henckel von Donnersmarck ehelichte, Reichsgraf, Industrieller und reichster Mann seiner Zeit, wünschte sie sich von ihm genau am Ort ihrer tiefsten Erniedrigung den Bau des schönsten Hauses von Paris – und bekam es. Als ich die Ehrentreppe aus massivem, gelben Onyx empor schritt, um in den oberen Salons die Kollektion, präsentiert auf Schaufensterpuppen, zu sehen, stellte ich mir vor, wie die russische Sirene mit raschelnder Empire-Robe den liebestollen Deutschen um Verstand und Vermögen brachte. Wer ist dagegen schon Kate Moss, die unten an den Turntables als DJ waltete?

Dem Schuhdesigner Christian Louboutin verdanke ich eine andere architektonische Entdeckung. Die Inspiration für seine High Heels, so verriet er in einem Interview, bekam er als Kind im Palais de la Porte Dorée (293, avenue Daumesnil). Schilder dort zeigten nämlich hochhackige Damenschuhe, die auf dem prachtvoll verzierten Boden verboten waren. Als ehemaliges Koloniemuseum im schönsten Art-Déco-Stil erbaut, heißt es heute politisch korrekt „Museum der Immigration“ und beherbergt auch ein sehenswertes Aquarium. Ich bin gespannt, welche Türen sich dieses Mal zur Fashion Week öffnen.