Fondation Cartier

Im Großstadtdschungel

Warum nach Costa Rica, an den Amazonas oder in die Serengeti reisen? In der Fondation Cartier in Paris ist man mittendrin: „The Great Animal Orchestra“ spielt auf. Mademoiselle Lili hat die Ohren gespitzt.

Tssst-tssst-tssst zirpen die Insekten. Vögel, Frösche und Brüllaffen begleiten das Grundrauschen. Rooooooar, rooooooooooar – dann kommt der Jaguar. Sein Brüllen geht unter die Haut. Ich liege auf Lounge-Kissen im unteren Stock der Fondation Cartier – und bin mitten im Dschungel von Costa Rica. Die visualisierten Soundfrequenzen laufen als Kurven über die verdunkelten Wände und spiegeln sich im Wasserbassin davor. Hier gehen die Ohren auf Reisen – in jeweils zwölf Minuten von Mittelamerika nach Afrika und zurück nach Nordamerika bis in die Korallenriffe von Australien. Willkommen im „Great Animal Orchestra“. Ein absolut hypnotisches Erlebnis für jeden gestressten Großstädter, der dem Lärm der Zivilisation entkommen will. Dirigent des sonoren Spektakels ist Musiklegende und Bioakustiker Bernie Krause.

Der Amerikaner (77) ist ein Pionier der elektronischen Musik. 1967 führte er den Moog-Synthesizer in die Popmusik ein, er arbeitete mit den Doors zusammen und wirkte an Soundtracks von Kultfilmen wie „Apocalypse Now“ und „Rosemary’s Baby“ mit. Dann entdeckte er den Klang der Natur und machte seinen Doktor in Bioakustik. Mit seinem „Wild Sanctuary“ - 5000 Stunden Aufnahmen von 15.000 verschiedenen Spezies - hat er binnen 50 Jahren das wohl größte Tonarchiv von Naturstimmen weltweit zusammengetragen: Ein akustisch konserviertes Naturerbe von „soundscapes“, Klanglandschaften, von denen, so sagt er, bereits heute die Hälfte nicht mehr so zu hören sei, weil der Lebensraum, in dem die Aufnahmen entstanden, zerstört oder stark verändert wurde. In seinen soundscapes wird die dramatische Umweltzerstörung hörbar, wo das Auge sie nicht erkennt.   

Die Fondation Cartier in Paris gehört seit 32 Jahren zu den interessantesten Museen der Stadt und macht durch die ungewöhnlichsten Ausstellungen von sich reden. Kunst, Kino, Architektur, Design, Mode, Theater, Musik, Wissenschaft -  Interdisziplinarität gehört zum Programm. Als der Schmuck- und Uhrenhersteller Cartier 1984 seine Fondation Cartier eröffnete, war die Verbindung von Luxusmarken und Kunst ein Novum und die Welt noch eine andere. Der sozialistische Präsident Francois Mitterand dachte laut darüber nach, Cartier zu verstaatlichen. Luxus galt als politisch inkorrekt. Heute ist die Branche ein Exportschlager, hat fast jedes französische Luxusunternehmen seine Kunststiftung. Auch wenn das sonst etwas verschlafene 14. Arrondissement von Paris nicht gerade auf der üblichen Touristenroute liegt – ein Abstecher in das gläserne Jean-Nouvel-Gebäude am Boulevard Raspail lohnt sich immer.

„The Great Animal Orchestra“ bis 8. Januar 2017 in der Fondation Cartier, 261 Boulevard Raspail, 75014 Paris