Landlust

L’amour est dans le pré

Die Pariser Banlieue ist vielerorts besser als ihr Ruf. Mademoiselle Lili hat dort ihr Glück im Grünen gefunden.  


Wer in Paris Besuch von Freunden mit Kindern bekommt, hat spätestens am vierten Tag Programmprobleme. Selbst die wohlerzogensten Prachtexemplare machen spätestens nach dem zweiten Museumsbesuch und der dritten Café-Terrasse ein langes Gesicht. Gut, dass ich für den letzten Sonntag ein Ass im Ärmel hatte: Ein echter Bauernhof, auf dem man Erdbeeren pflücken, Salat anpflanzen, Kaninchen kuscheln, Imkern beim Honigmachen zuschauen oder mit einer Herde Schafe zum temporären Pool auf wilder Wiese aufbrechen kann. „La Ferme du Bonheur“, der Bauernhof der Glückseligkeit, ist ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Ort, erschaffen von einem sehr französischen Original : Roger des Prés ist ein anarchischer Geist, ein Bastler und Lebenskünstler. Als Nicolas Sarkozy von den Banlieues sprach, die man mit dem Kärcher reinigen müsse, gründete er in Nanterre seine urbane Oase. Aus Trotz und um zu beweisen, dass die Banlieue auch ein schöner Ort sein kann.  

Auf dem ehemaligen Niemandsland zwischen Stadtring, Universität und Sozialbauten kreischen nun Pfaue, grunzen Schweine, gackern Hühner und Gänse und blöken Schafe. Roger und seine Mithelfer machen Kultur und Ackerbau gegen die Tristesse, für und mit allen, die hier leben. Was einst als Guerilla-Gardening und nicht ganz legale Bretterburg begann, ist heute ein offizieller Kulturbetrieb mit dem Segen der Stadt. Das Programm ist so bunt und vielfältig wie die Besucher:  Es gibt Theater, Poetry Slams, Lesungen, Konzerte, Brunch oder die beliebten „Pique-nique électronique“ mit DJs, Drinks und Open-Air-Tanz zwischen Tierställen und Schuppen. Wenn die Stimmung auf dem Siedepunkt ist, wird die Sau „Héroica“ durch das tanzende Dorf getrieben. Die riesige, zahme und liebebedürftige Schweinedame ist so etwas wie das Maskottchen des Ortes geworden. Als Jule und Johanna, die Kinder meiner Freundin, aufhören sie zu streicheln, kreischt sie wie am Spieß. „Sei leise und hör auf, die Kinder zu erpressen“, witzelt Roger. „Sonst wirst du schneller Schinken, als dir lieb ist.“

Immer um 14.30 Uhr kehren die freiwilligen Sonntagsbauern ein, meist Familien mit Kindern, die Roger helfen, auf einer weiter entfernten, wilden Wiese Gemüse zu pflanzen und zu ernten. Pünktlich 15 Uhr setzt sich die kuriose Karawane in Bewegung: Ein Dutzend Schafe, Héroica an Rogers Leine und hinter ihm junge Pariser Bobo-Familien mit Schubkarren, Schaufeln und Gießkannen, die ihren Kindern zeigen wollen, dass der natürliche Lebensraum von Tomaten und Erdbeeren nicht der Supermarkt ist. Es geht vorbei an stillgelegten Bahntrassen, graffitibesprühten Mauern und auf gut versteckten Schleichwegen, die mit den ungewöhnlichsten Perspektiven auf die Großstadt Paris belohnen. Fast immer im Blick: Die Skyline von La Défense mit ihren Wolkenkratzern und dem majestätischen „Grande Arche“. Die Augen der Kinder jedenfalls leuchten jede Minute mit der Sonne um die Wette, vor allem als sie nach getaner Arbeit mit den anderen in dem temporären Swimmingpool planschen können. Nur mit einem Paris-Programmpunkt konnte ich bisher genauso punkten: Disneyland - doch dazu an anderer Stelle einmal mehr.  

La Ferme du Bonheur, 220 Avenue de la République, 92000 Nanterre, www.lafermedubonheur.fr

© Silke Bender