Cruise-Collections

Schlaflos im Mai

Die Mode will klimafreundlicher werden, doch für die Cruise-Collections fliegen die Häuser ihre Gäste noch immer rund um die Welt. Mademoiselle Lili hätte da ganz andere Ideen.

Ach, der schöne Mai. Eigentlich die Zeit, endlich Mode ganz praktisch zu genießen: die neuen Sommerkleider und Sandalen auszuführen, die schon seit dem Winter im Kleiderschrank auf das Frühlingserwachen warten. Was früher einst die wohltuende Halbzeitpause der Modeindustrie war – zwischen den traditionellen Modewochen im Februar und September – ist längst zu einer neuen Hochsaison geworden. Es ist der Monat der sogenannten „Cruise“- oder „Resort“-Shows: Das sind die aus dem Modekalender nicht mehr wegzudenkenden Zwischenkollektionen der großen Häuser. Was einst als luftige Ferienbekleidung für eine vielreisende und betuchte Klientel erdacht wurde, ist zu einem wichtigen, dritten Umsatzbringer im Geschäftsjahr geworden. Oft tragbarer und praktischer als die großen, konzeptuellen Sommer- und Winterkollektionen, haben die Cruise-Kollektionen längst auch Käufer gefunden, die sie nicht nur auf Superyachten, Kreuzfahrtschiffen oder in exklusiven Ferienanlagen tragen. Dementsprechend locker sitzt das Werbegeld. Die Modehäuser überbieten sich seit Jahren mit Einladungen in immer exklusivere und entlegenere Locations, frei nach dem Motto: Was kostet schon die Welt?  

Als Modebeauftragter kommt es da vor, dass man im Mai flugmeilenmäßig gleich zweimal die Welt umrundet: Letztes Jahr reiste der oft mehr als 1000-köpfige Tross aus Einkäufern, Celebrities, Models, Stylisten, Redakteurinnen, Influencern und Technikern beispielsweise zweimal nach New York, einmal zu Louis Vuitton und eine Woche später erneut zu Prada, zwischendurch dann Marrakesch mit Dior, dann zu Gucci nach Rom, mit Chloé ging es nach Shanghai und mit Armani nach Tokio. Und das alles für 20 Minuten Modenschau und maximal drei Nächte vor Ort. Der CO2-Fußabdruck jedes einzelnen war mit diesem einen Monat Cruise-Shows für den Rest des Lebens im tiefroten Bereich, und das Schlafpensum wegen chronischen Jetlags für mehrere Wochen.  

Dabei: Nachhaltigkeit und Ökologie sind die großen, wirklich neuen Modethemen aller Häuser. Alle geloben seit letztem Herbst vollmundig Besserung, mit diversen, wohlklingenden Initiativen zur Klimaneutralität. Mit Spannung erwartete ich also die grünen Cruise-Destinationen in diesem Mai, freute mich schon auf kurze, klima- und schlafschonende Zugreisen in den Schwarzwald, (why not? ein für Franzosen oder Italiener auch exotischer Ort). Wandermodenschauen im Elsass. Privatisierte Elektrotrams in den Pariser Stadtwald Bois de Vincennes. Pferdekutschen entlang der Seine. Oder die futuristische Wuppertaler Schwebebahn: Die hat noch nie jemand schick in Szene gesetzt! Klimaneutrale Alternativen gibt es genug. Doch Pustekuchen! Chanel wird nach ein paar lokalen Saisons in Frankreich ins italienische Capri cruisen, Gucci in die USA, Max Mara nach Sankt Petersburg, Prada nach Japan, Armani nach Dubai und Dior hat versprochen, nach Los Angeles und Marrakesch diesen Mai immerhin in Europa zu bleiben. Es ist zum Greta-Zöpfchen-Raufen.

© Silke Bender