Paris Fashion Week

Die Greta-Frage

Nun sag, wie hältst Du es mit der Nachhaltigkeit? Mademoiselle Lili über das neue Modethema der Pariser Fashion Week.

Die Mode, so meinte mal Miuccia Prada, gibt es gar nicht mehr, es gäbe nur noch Stil. Recht hat sie. Seit mehr als einem Jahrzehnt schon scheint sich Mode in der Gleich-Zeitigkeit und Gleich-Gültigkeit von allem aufzulösen. Breite Schultern, schmale Schultern, Maxi oder Mini – Jacke wie Hose. Anything goes. Und immer gibt es irgendein Revival von irgendetwas. Nur ein Thema setzt sich immer lauter und sichtbarer durch: Das von Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Von Dior bis Marine Serre, vom Kering-Konzern bis zum Branchenriesen LVMH, von Rick Owens bis Courrèges schwören alle Besserung.  

Und trotzdem kommen jetzt wieder Hunderttausende von Modemenschen aus aller Welt nach Paris, um die neuen Herbst-Winter-Kollektionen 2020/21 zu bestaunen. Und sie segeln nicht umweltneutral wie Greta Thunberg, sondern sie fliegen. Zu den Shows nehmen sie ein Taxi und stehen lieber stundenlang im Stau, statt Metro oder Fahrrad zu fahren und keinem scheint die Ironie des Ganzen aufzufallen.  

Dior pflanzte zuletzt einen ganzen Wald für nur eine einzige Show. Jeder der Bäume mit dem Etikett #PlantingForTheFuture sollte später einem Wiederaufforstungsprogramm zugeführt werden. Newcomerin Marine Serre beschwor düster die Ölpest: „Marée noire“ heißt die Frühjahrskollektion, die jetzt in die Läden kommt und sie stellte sich dabei vor, wie sich die Menschen der klimatischen Post-Apokalypse wohl kleiden werden: Aus den Resten der Zivilisation von heute. Die 27-Jährige ist mit ihrer Upcycling-Mode aus Textilresten bisher die wohl konsequenteste Vertreterin einer wirklich ökologischer handelnden Mode-Avantgarde. Courrèges verkündete bei seinem Relaunch vor zwei Jahren das „Ende des Plastiks” und zeigt nun doch wieder Vinyl, das Fetischmaterial des Hauses: Allerdings eines auf Algenbasis, das zehn Mal weniger Kunststoff verbraucht: „Unser neues Vinyl ist nicht perfekt – es ist besser. Nachhaltigkeit ist keine Destination, sondern ein Prozess: es geht um Kreativität, nicht um Entbehrung; Freude – nicht Abstinenz; heute ­– nicht morgen“, hieß es in der Pressemitteilung, die ein bisschen so klingt wie das Klimapaket der deutschen Bundesregierung: Halbherzig.  

Diese Worte offenbaren den Spagat, den die Modemarken vollbringen wollen. Und sie tönen dabei manchmal so wie Übergewichtige, die meinen, zum Abnehmen genüge es, wenn sie zu ihrem Fast Food eine Cola light trinken. Solange nicht das gesamte Prinzip der „Fast Fashion“, immer mehr Kollektionen pro Jahr, die Überproduktion, in Frage gestellt wird, seien Umwelt und Klima nicht zu helfen, warnt Pierre Cannet vom WWF Frankreich: „Wenn es nur darum geht, immer mehr Kleidung zu verkaufen und dabei erneuerbare Energien einzusetzen, wird es nicht ausreichen.“ Die Modebranche muss aufpassen, wenn sie schon den Finger auf die eigene Wunde legt, Anspruch und Wirklichkeit nicht zu verwässern und durch Greenwashing unglaubwürdig zu werden. Ich habe mir übrigens auch ein ressourcenschonendes Programm verordnet: Keine neuen Klamotten mehr kaufen in 2020. Ob mir das gelingt?

© Silke Bender