Shinichiro Ogata

Ein Stück Japan in Paris

Was macht man an einem verregneten Novembertag in Paris? Mademoiselle Lili hat da einen heißen Tipp.  


Diesen Herbst haben die Design- und Foodfreunde in Paris nur noch ein Thema: Warst du schon bei Ogata? Nach der dritten Frage, die ich verneinen musste, machte ich mich endlich auf den Weg und fand mich an einem Ort wieder, der so exotisch wie vertraut wirkt und eine fast sakrale Aura verströmt. Kaum betritt man die kathedralenhafte Eingangshalle mit dem grob gehauenen Steinbrunnen, steigt einem der zarte Duft von Räucherwerk in die Nase. Ein minimalistischer, reduzierter Raum, der nur Raum sein will und gleichzeitig nach dem Himmel zu greifen scheint. Die Stufen hoch geht es zum japanischen Restaurant und zur Bar, links in die Boutique und zur Patisserie, unten im Keller, so erklärt die freundliche Empfangsdame in den Teesalon. Da dürfte man aber nur als Gast mit Reservierung herein.  

In dem ehemaligen Eisenwarengeschäft im Herzen des Pariser Marais hat Shinichiro Ogata, in seiner Heimat Tokio der Lifestyle-Guru schlechthin, auf 800 Quadratmetern einen Tempel japanischer Lebensart eröffnet: Er ist Architekt, Designer, Schöngeist und Chefkoch in einer Person und sein synästhetisches Empfinden entfaltet er hier bis ins kleinste Detail: Von den Cocktails über die Menüs bis zu zum Geschirr, mit dem man isst und trinkt und das man in der angeschlossenen Boutique auch kaufen kann – alles wurde von Ogata selbst entworfen.

Dass er sein erstes Etablissement auf europäischem Boden gerade in Paris eröffnete, liegt auf der Hand. Kaum eine Nation ist so japanophil wie Frankreich. Schon die Adligen waren im 18. Jahrhundert ganz wild auf Porzellanwaren aus Fernost, im 19. Jahrhundert entwickelte sich eine ganze Stilschule in Malerei und Design rund um den Japonismus. Und im 20. Jahrhundert aßen die Pariser in der Rue Saint-Anne bereits Sushi, als man sich in Deutschland bei der Vorstellung, rohen Fisch zu essen, noch vor Ekel schüttelte. Wer so bewundert wird, der wird auch zurückgeliebt. Japaner sind in Paris die wohl willkommensten Touristen, denn sie kaufen bei jedem Besuch französische Luxusmode fast schon in Großhandelsmengen.  

Auch Ogata verbeugt sich vor Frankreich, in dem er das alte Gebäude aus dem 17. Jahrhundert auf subtilste Weise mit seinem Stil verschmilzt. Die alten Fliesenböden, die groben Kalksteinwände, alles hat er original erhalten und restauriert und nur mit wenigen Kunstgriffen dem Ort eine magisch neue Erscheinung gegeben. Das Gestaltungsprinzip des „shakkei“, das möglichst nahtlose Einfügen einer Außenlandschaft in den Innenbereich, funktioniert auch bei dieser japanisch-französischen Architekturkreuzung.  

Am Ende wollte ich unbedingt noch in den Teesalon, und da gerade noch zwei Plätze frei waren, durfte ich hinunter in die heilige Halle zur Teezeremonie. Ein Ort atmosphärisch irgendwo zwischen Klosterzelle und Wellnesstempel: Keine Musik, nur das leise Klirren von Geschirr und das Zischen des heißen Wassers, mit denen die Herrinnen des Tees in einem gekonnten Ballett aus Armbewegungen nach alter Tradition die besten Sorten zubereiten, die das Land zu bieten hat. Dazu werden köstliche Wagashi, kleine Patisserie-Häppchen aus Reis oder Bohnepaste gereicht. Eine meditative Erfahrung und leiblicher Genuss, auch das geht bei Ogata zusammen. Doch um das wirklich zu verstehen, muss man es erlebt haben.

© Silke Bender