VIP-Friedhof Père Lachaise

Online bis ins Jenseits

Ein Spaziergang auf dem VIP-Friedhof Père Lachaise gehört zu den Klassikern in Paris: Mademoiselle Lili erwartete trotzdem eine Überraschung – die digitale Ewigkeit.  


Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon auf dem wohl berühmtesten Pariser Friedhof war: Das erste Mal selbst als Touristin, vor vielen, vielen Jahren, um das Grab von  Jim Morrison, Edith Piaf und Oscar Wilde zu besuchen. Und nun immer mal wieder, wenn Freunde oder Familie zu Besuch sind – schließlich liegt der Friedhof bei mir quasi um die Ecke. Neulich jedoch traute ich meinen Augen nicht: Zwischen all den verwitterten, prachtvollen Grabstätten, in denen seit dem 19. Jahrhundert viele berühmte Menschen ihre letzte Ruhe finden, ist jetzt die Generation Web 2.0. eingezogen.

Wer aufmerksam durch das schattige Labyrinth aus Alleen und Wegen läuft, stößt hier und da auf QR-Codes, diese kleinen schwarz-weißen Pixel-Muster, die diskret als Plaketten auf den Grabsteinen kleben.

Ein weißes, etwas abseits liegendes Grab einer gewissen Laura Hilden erregt meine Aufmerksamkeit. Es sieht wie eine Bushaltestelle aus: Überdacht ist es und mit Glaswänden gegen Wind und Wetter geschützt. Ich halte meine Smartphone-Kamera auf den Code und lande auf einer esoterischen Website, auf der man die Verstorbene sehen und singen hören kann. Weiter erfahre ich, dass dies eine „energetische Grabstätte Ewiger Liebe“ sei – für jeden zu spüren, der sich auf das kabbalistisch anmutende Kreisornament auf dem Boden stelle und die Hände nach oben halte – darüber im Dach sind astrologische Symbole dargestellt. Wir stellen uns wie angewiesen auf den Kreis und heben die Arme  – genau so wie in den Sicherheitsscannern moderner Flughäfen. Spüren tun wir – nix, aber wenn, so erfahren wir, könnten wir gleich einen Initiationskurs bei ihrem spirituellen Heiler für 495 Euro buchen. Um Himmels Willen, nicht mal das Jenseits gibt es heute noch ohne Werbepause.  

Während wir uns totlachen, laufen wir weiter und denken über die Gründung eines Start-ups nach. Wie könnte man all die Gräber hier kommerziell nutzen? Am Grab von Jim Morrison gleich die Songs downloaden oder an der Grabstätte der Darty-Familie, den Gründern der großen Elektronik- und Haushaltsgerätekette Frankreichs, einen Kühlschrank bestellen? Den vielen Möchtegern-VIPs, die heute durch die TV-Talentshows turnen, einen letzten großen Auftritt bereiten? Für die Instagram-Süchtigen der Gegenwart, denen der Monitor ihres Smartphones die Welt bedeutet, das finale und ewige Selfie arrangieren?  

Gibt es schon alles. Ab etwa 200 Euro, so lese ich später, wird einem schon ein einfaches Online-Package fürs Jenseits inklusive QR-Plakette programmiert: Mit Fotos, Videos oder Audio-Dateien. Professionelle Sprecher, die das Leben des Verstorbenen erzählen, kosten natürlich mehr. In den USA, Japan oder Spanien schon ein todsicheres Geschäft – auf dem Père Lachaise muss man die Orte, an denen man per Smartphone mit den Toten kommunizieren kann, jedoch noch mit der Lupe suchen. Schade eigentlich. Die Gräber dort könnten so viel unterhaltsamer sein.