Fashion Week

Größer! Höher! Weiter!

Zur Fashion Week wetteifern die großen Pariser Modehäuser um die spektakulärste Show. Mademoiselle Lili ist gespannt darauf, was sie sich dieses Mal ausgedacht haben.


Die nächste Modewoche kündigt sich an: An den Pariser Monumenten vom Eiffelturm bis zum Grand Palais poppen plötzlich Riesenbaustellen auf, mit Planen gut geschützt, damit niemand einen Blick darauf erhaschen kann, was drinnen passiert. Höchste Geheimhaltungsstufe, damit die Überraschung am Tag X gelingt. Nur 20 Minuten dauert eine Modenschau, doch um die simple Präsentation einer neuen Kleiderkollektion geht es längst nicht mehr: Mehr als fünf Millionen Euro sollen die Platzhirsche im Pariser Modezirkus für ihre zum Riesenspektakel aufgeblähten Laufstege ausgeben. Jeder will den anderen übertrumpfen ­– koste es, was es wolle.

Es war lange Zeit nur das Haus Chanel, dem nichts zu groß, zu verrückt und zu teuer war, um die Welt zu beeindrucken. Im Grand Palais ließ Karl Lagerfeld schon Weltraumraketen starten oder maßstabsgetreue Kreuzfahrtschiffe anlegen. Als ich letzten Oktober wieder eine der begehrten Einladungen erhielt, checkte ich ein auf der Chanel-Insel – der Glaspalast wurde zum Strand: Echte Wellen plätscherten an 240 Tonnen weißen Sand, es gab blauen Himmel, Strandhütten und Rettungsschwimmer-Hochsitze. Und ausgeklügelte Perspektiven für das perfekte Trompe-L’Oeil, damit die Generation Selfie und Instagram ordentlich was zu knipsen und zu filmen hat.

Doch die anderen ziehen nach: Für Dior musste ich weit aus der Stadt hinaus. Sie ließen auf der Longchamp-Rennbahn eine gigantische temporäre Halle aufbauen, um drinnen eine XXL-Black-Box zu inszenieren, in denen sich Modenschau und Tanzperformance vermischte: Die Models defilierten zwischen dem Ensemble der israelischen Choreographin Sharon Eyal, für den Schlussakt regnete es aus rund 50 Metern Höhe weiße Blüten.

Vor dem Eiffelturm müssen seit 2016 die Touristen zwei Mal pro Jahr für drei Wochen auf eines der beliebtesten Fotomotive der Welt verzichten: Dann nämlich besetzen die Baucontainer für das Modehaus Saint Laurent den gesamten Trocadéro-Platz. 400.000 Euro Miete überweisen sie dafür an die Stadt, um direkt vor dem Wahrzeichen von Paris ihre Showbühne aufzubauen. Für das Debüt von Hedi Slimane bei Celine wurde vor dem Invalidendom eine Riesenhalle aufgebaut, Louis Vuitton übernahm den Innenhof des Louvre. Das Modehaus nutzte die grandiose Kulisse des Museums, um auf dem Platz rund um die Pyramide einen verspiegelten und weitverzweigten Glastunnel aufzubauen, eine kühl-technoide, schwarze Container-Architektur mit weißen Neonröhren, deren Licht per Bewegungsmelder den Schritten der Models folgte.

Ziemlich dekadent, so viel Aufwand und Kosten für nur 20 Minuten Action, könnte man denken. Doch dahinter steckt knallhartes Kalkül. Mit einer Modenschau wird das Marketing für die nächsten sechs Monate gespielt. Die Marke macht von sich reden und verkauft damit nicht nur die neue Kollektion, sondern auch Parfums und Accessoires. Ein teurer Spaß, aber rentabel. Auf jede ausgegebenen 100.000 Euro, so errechnete mal ein Experte der Branche, käme ein Medienecho im Wert von einer Million Euro. Eine Summe, die dank der zusätzlichen Bilderverbreitung auf den sozialen Netzwerken heute deutlich höher liegen müsste. Keine Frage, den Event-Agenturen, die sich auf die Inszenierung solcher Modespektakel spezialisiert haben, blüht eine goldene Zukunft.