Pierres Précieuses

Diamantenfieber

Im Pariser Naturkundemuseum findet die buchstäblich hochkarätigste Ausstellung des Jahres statt. Mademoiselle Lili bekommt glänzende Augen bei all den „Pierres Précieuses“.

Es gibt Kategorien von Luxus, die so unerreichbar erscheinen, dass ich sie lange ignoriert habe: Die Haute Joaillerie war eine davon. Bei Schmuckstücken, deren Preise ab 100.000 Euro beginnen, endete lange meine Vorstellungskraft und damit auch meine Sehnsucht. Seit ich in Paris lebe, ist das etwas anders geworden. Die Stadt öffnet einem die Augen für Schönheit, Raffinesse und wohl inszenierte Pracht, sie erhebt den Betrachter über das Mittelmaß und eröffnet dem Suchenden ungeahnte Horizonte. Es war die Begegnung mit einem chinesischen Mönch auf der Antiquitätenbiennale vor vielen Jahren, die meinen Sinn für hochkarätigen Schmuck komplett veränderte. Wallace Chan, Zen-Meister und einer der virtuosesten Schmuckmacher unserer Zeit, legte mir eine Kette im Wert von 56 Millionen Euro um den Hals und bat mich, den unschuldigen Blick auf sein Kunstwerk und auf die darin verwendeten Juwelen zu werfen. Das gelang mir nicht auf Anhieb, ganz schwindelig war mir erst, aber unser langes Gespräch lehrte mich, wie viel Demut und Geduld, wie viel Kunst und Können, wie viel Licht und Schatten, ja, Spiritualität zu dem so meisterlichen Bearbeiten von Edelsteinen und -metallen gehören.  

Wie und warum Edelsteine und Schmuck die Menschheit seit ihrem aufrechten Gang faszinieren, das beleuchtet nun auf eindrucksvolle Weise die Ausstellung „Pierres Précieuses“, die das Schmuckhaus Van Cleef & Arpels gemeinsam mit dem Pariser Naturkundemuseum zeigt. Symbolisch wird der Betrachter tief in den Bauch der Erde geführt, durch einen schwarzen Tunnel, an dessen Ende ein rot-oranges Licht glüht. Auf dem elliptischen, in wechselnden Farb- und Lichtspielen getauchten Parcours wird die geologische Genese und kulturelle Geschichte der Edelsteine erlebbar gemacht: Mit über 750 Ausstellungsstücken, davon 250 Meisterwerke aus der Heritage-Sammlung des renommierten Juwelierhauses. Nie oder selten gezeigte Kronjuwelen, historischer Schmuck von den Azteken über die italienische Renaissance bis zum französischen Königshaus wechseln sich ab mit Mineralen und spektakulären, unbearbeiteten Rohedelsteinen wie ein 15 Kilogramm schwerer und 2,5 Milliarden Jahre alter Rubinkristall aus Indien.  

Wir lernen, warum Edelsteine auf mehr als nur auf eine Weise kostbar sind, wie sich in ihnen die 4,6 Milliarden Jahre Geschichte der Erde wiederspiegelt – eine kosmische Dimension, die noch heute mit jedem Stein greifbar wird. Und wir erfahren, dass die funkelnden Juwelen, wie wir sie heute kennen, erst im Frankreich des 17. Jahrhunderts erfunden wurden. Es waren die Handwerker des Sonnenkönigs, die den facettierten Brillantschliff entwickelten. Auch wenn Edelsteine in fast allen Kulturen und Epochen eine Rolle spielen, zunächst als Objekte religiösen Kultes, später als Symbole weltlicher Macht, wurden sie zuvor rund, matt und opak verwendet. Der französische Bling-Bling-Geschmack wurde von da an international stilbildend – und Paris zum Weltzentrum der Juwelierkunst. Lassen Sie sich nicht blenden. Üben sie den unschuldigen Blick.     

Bis 14. Juni 2021, « Pierres Précieuses », La Grande Galerie de l’Evolution, 36 rue Geoffroy St-Hilaire, 75005 Paris, www.mnhn.fr

© Eric Sauvage